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Montag, 14. Februar 2022

Rezension: "Every" von Dave Eggers



Titel: Every

Autor: Dave Eggers
Verlag und Info: Kiwi Verlag (Kiepenheuer & Witsch)
Bewertung: 5/5 Sterne
HC, 580 Seiten
Preis: 25,00 €
Genre: Thriller
Reihe: Fortsetzung von "Der Circle"
VÖ: 2021
© Kiepenheuer & Witsch

Werbung - Das Buch wurde mir vom Verlag als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Every - Dave Eggers

Worum geht`s?

Der Circle hat sich weiterentwickelt - Every heißt das unternehmen jetzt, hat noch mehr Firmen eingekauft, noch mehr weltweiten Einfluss und Kontrolle erlangt. Mae Holland leitet das Unternehmen, doch es gibt Krisengerüchte.

Delaney will das unmögliche schaffen: Zusammen mit ihrem besten Freund Wes, einem "Trog", also quasi einem Verweigerer des ständigen Online- und Social Media Hypes und ständiger Überwachung, will sie versuchen, von Every eingestellt zu werden, um das Unternehmen von innen heraus zu zerstören.

Sie schafft es dank einer verrückten App-Idee sogar, das Interesse von Every zu wecken und in den Kreis der angestellten aufgenommen zu werden. Doch einmal auf dem Campus, entwickeln sich viele Dinge sehr viel anders, als Delaney sich das vorgestellt hat - und sie wird gezwungen, zu improvisieren.

Beurteilung

Zu dieser Rezension musste ich ein bisschen überlegen, um die passenden Worte zu finden. Wahrscheinlich ist den meisten der Film oder das Buch "Der Circle", das den Vorgänger zu "Every" darstellt, ein Begriff.

Man muss Circle nicht zwingend gelesen haben, um Every zu verstehen - das Buch bietet genügend Rückblicke, um sich die Geschichte auch so zusammenzureimen - aber es hilft. 

Ich dachte damals beim Circle, dass Dave Eggers es damit schon ziemlich auf die Spitze getrieben hat - doch nein. Stellt Euch vor, alle Konzergiganten und noch ein paar andere Riesen tun sich zusammen, kaufen sämtliche namhaften Firmen und erfolgversprechende Startups auf - dann habt ihr einen Bruchteil von dem, was Every ausmacht. Ein Riesenkonzern, der alles daran setzt, seine Macht noch auszuweiten und die Kontrolle aller Menschen an sich zu reissen. So sieht es anfangs von außen aus.

In Every geht es um Delaney, eine junge, sehr intelligente Frau, die zusammen mit ihrem Freund versuchen will, die Firma zu infiltrieren und von innen heraus zu zerschlagen. Das ist ihr Plan. Ich habe mich gerade am Anfang königlich amüsiert, als Eggers begonnen hat, die Every-Mitarbeiter und das Arbeiten dort zu beschreiben. Ich weiß gar nicht wie ich das in Worte fassen soll: Der Autor malt ein Bild eines Konzerns, der seinen Mitarbeitern natürlich alle möglichen Annehmlichkeiten anbietet - aber auch die totale Kontrolle über ihr Leben erworben hat. Es wirkt alles absolut überzogen, lächerlich, so klar, dass Delaney das Stoppen muss, ich war total bei ihr und habe mit Stauen und immer mehr Kopfschütteln ihre Erlebnisse auf dem Campus begleitet. Können wirklich so viele Menschen so verblendet sein? 

Aber je weiter ich in dem Buch gekommen bin, desto nachdenklicher bin ich geworden und habe mal wieder begriffen, dass nicht alles schwarz und weiß ist. Mehr und mehr wird klar, dass Every auch richtige, wichtige Ziele hat und in Folge seiner Geschichte mittlerweile wohl der einzige Konzern ist, der genug globalen Einfluss hat, um diese Ziele - Klimarettung, Naturschutz, Reduzierung von Kriminalität, Schutz von Kindern etc. - zu erreichen.

Doch die Mittel, die Every dazu einsetzt, die sind der Dreh- und Angelpunkt dieser Story. Wie weit werden sich die "normalen" Menschen die Bevormundung und Kontrolle noch gefallen? Wann ist es zuviel? Delaney ist in dem Buch überzeugt, es zu wissen - und wird immer wieder erstaunt, wie begeistert selbst die abstrusesten Dinge von der breiten Masse angenommen werden. Alles hat Vor- und Nachteile, und die alles entscheidende Frage lautet: Was ist wichtiger - Bequemlichkeit, die Entlastung von Verantwortung und Entscheidung - oder Freiheit, Individualität und Unabhängigkeit mit all ihren unangenehmen Folgen und Pflichten?

Rückblickend betrachtet, hat der Autor für mich hier in absolut packender Weise eine halb einfach nur noch beängstigende Welt, halb aber auch eine faszinierende Entwicklung beschrieben. Es kippelt für mich zwischen Dystopie und Utopie - die Wahrheit liegt wohl im Auge des Betrachters. Zum Schluss war ich fast geneigt, mich auf die Seite von Every zu schlagen - mit wenigen Ausnahmen.

Es gab Dinge, die waren für mich schlichtweg empörend und wären für mich im echten Leben ein Grund gewesen, den ganzen Laden in Flammen aufgehen zu lassen - aber es ist eben subjektiv, was einem zuviel ist und was man akzeptiert, und genau das ist es ja, was Every abschaffen will: Die Subjektivität. 

Auf diesen 580 Seiten hat Dave Eggers eine wunderbar lesbare, einfach nur atemberaubende und mitreissende Geschichte mit einer sehr starken Protagonistin, einer vielschichtigen Zukunftsvision und mit viel subtiler Ironie geschrieben, hat glaube ich vielen von uns einen Spiegel vorgehalten - einiges, über das man beim Lesen lacht, ist doch in Ansätzen auch in jedem von uns enthalten. Denkt mal nach, was jeder einzelne schon, um nicht unangenehm aufzufallen oder um von einer Gruppe akzeptiert zu werden, gemacht hat, obwohl man als Individuum wahrscheinlich nie so gehandelt hätte.

Every ist eine Vision - das Buch spinnt aktuell bereits einsetzende Entwicklung fort und zeigt uns Beides: Die Entwicklung in gute Richtigungen - und in Schlechte. Es fordert uns auf, selbst darüber nachzudenken, was wir akzeptieren wollen und was nicht, das Denken nicht aufzugeben, auch wenn andere anbieten, es für uns zu übernehmen - aber bei unseren Entscheidungen die richtigen Gründe und Ziele im Blick zu behalten. Ich bin nachhaltig begeistert - 5/5 Sterne! 

 

Beschreibung des Verlags: 

Nach »Der Circle« legt Dave Eggers mit »Every« eine rasante Fortschreibung seines Weltbestsellers vor - ein hochbrisanter Thriller

Der Circle ist die größte Suchmaschine gepaart mit dem größten Social-Media-Anbieter der Welt. Eine Fusion mit dem erfolgreichsten Onlineversandhaus brachte das reichste und gefährlichste – und seltsamerweise auch beliebteste – Monopol aller Zeiten hervor: Every.

Delaney Wells ist »die Neue« bei Every und nicht gerade das, was man erwarten würde in einem Tech-Unternehmen. Als ehemalige Försterin und unerschütterliche Technikskeptikerin bahnt sie sich heimlich ihren Weg, mit nur einem Ziel vor Augen: die Firma von innen heraus zu zerschlagen. Zusammen mit ihrem Kollegen, dem nicht gerade ehrgeizigen Wes Kavakian, sucht sie nach den Schwachstellen von Every und hofft, die Menschheit von der allumfassenden Überwachung und der emojigesteuerten Infantilisierung zu befreien. Aber will die Menschheit überhaupt, wofür Delaney kämpft? Will die Menschheit wirklich frei sein?

Wie schon bei »Der Circle« weiß Dave Eggers wie kein zweiter unsere Wirklichkeit so konsequent weiterzudenken, dass einem der Atem stockt beim Lesen. Man kann nur inständig hoffen, dass die Realität nicht schneller voranschreitet, als Dave Eggers schreiben kann.


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